Johann Carl Schmidt

„Johann Carl Schmidt“

Das Gründungsdatum der Tombakschmiede des Johann Carl Schmidt führt in die bewegte Zeit des frühen 19. Jhdt. Es ist ein Jahrhundert der Revolutionen: Die Französische Revolution und die Besatzungsarmee Napoleons sind über das Birkenfelder Land gezogen. Es ist Teil des französischen Saar-Departements.

Nach der Niederlage der Franzosen und der Entscheidung der Siegermächte (Wiener Kongress 1815) wird das „Fürstentum Birkenfeld“ und damit auch Oberstein oldenburgisch. Als Relikt der französischen Besatzungszeit herrscht weiterhin französisches Recht und damit zunächst völlige Gewerbefreiheit.  Das bringt Bewegung in die verkrusteten zünftigen Strukturen des Obersteiner Goldschmiedegewerbes:

Jeder der bislang unselbstständigen Goldarbeiter, die hauptsächlich von der Herstellung in Tombak gefasster Achat- und Pappmaché-Dosen, Petschaften, Knöpfen, Anhängern und sonstigen kleinen Artikeln leben, kann nun mit einer einfachen und preisgünstigen Gewerbeanmeldung eine Firma gründen.

Joh. Carl Schmidt, Goldschmied, Dosenmacher und Gießer, eröffnet in der Hauptstraße in Oberstein seine eigene Firma. Der Sohn einer alteingesessenen Handwerkerfamilie, die seit dem frühen 17. Jh. Schmiede und Goldschmiede hervorbrachte, beabsichtigt 1818 die Gründung einer „Tombakschmiede“ und die Herstellung von Halbfabrikaten für die Obersteiner Schmuck- und Metallwarenindustrie. Zunächst bleibt das Hauptgeschäft der Firma die Herstellung von Pappmaché- und Achatdosen. Aus Gründen der Kapitalbeschaffung und zum Aufbau eines örtlichen Kundenstammes führt er allerdings parallel zum Produktionsbetrieb ein Handelsgeschäft für Lebensmittel, Haushaltswaren und Goldschmiedebedarf, bei dem seine Kundschaft anschreiben lassen kann. Das junge Unternehmen hat Erfolg: Es beteiligt sich u.a.  an der „Allgemeinen Deutschen Gewerbeausstellung zu Berlin“ im Jahre 1844. Als einziger Betrieb aus dem Fürstentum Birkenfeld wird er mit der „Ehernen Preis-Medaille“ ausgezeichnet.

Da er am Standort in der Hauptstraße nicht die Möglichkeit zur Nutzung der Wasserkraft für weitere Mechanisierung seiner Produktion von Tombakblechen und –halbfabrikaten hat, plant er die Verlegung des Betriebs an das Naheufer. Ab 1823 plant er zudem auch die Anschaffung einer Dampfmaschine, mit der er nachgeordnete Maschinen zur Metallverformung wie Walzen, Hammerwerke oder Blasebälge für Glüh- und Schmelzöfen über Transmissionen antreiben kann.

In den 1820 Jahren beginnt die Umrüstung der Firma zur „Tombakschmiede“ und zur Produzentin von Halbfabrikaten für die Schmuckindustrie. Damit setzt auch die industrielle Fertigung ein. Das bedeutet: Übergang vom Handwerk zur arbeitsteiligen Serienproduktion und vor allen Dingen Mechanisierung. Gegen alle ständischen Zwänge lässt der Firmengründer die handwerkliche Welt hinter sich und wagt, offen auch für alle technologischen Neuerungen, den mutigen Schritt in das industrielle Zeitalter. Sein erfolgreiches Geschäftsmodell, aber auch die Beharrlichkeit, mit der er über Jahrzehnte seine unternehmerische Vision verfolgt, führen in den 1850er Jahren mit der Umsiedlung des Betriebs an die Nahe zum ersehnten Ziel.

Innerhalb weniger Jahrzehnte entsteht aus einer vorindustriellen Hausindustrie die Keimzelle der Idar-Obersteiner Schmuck- und Metallwarenindustrie mit vielen spezialisierten Kleinstbetrieben. Verarbeitet werden Messing, Tombak und Neusilber, vergoldet wird unter Zuhilfenahme von Quecksilber im Kamin: das „Obersteiner Schorschtegold“.

 

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