Carl Ludwig & Johanna Schmidt

„Johanna und Carl Ludwig Schmidt“

Carl Ludwig, der Sohn von Friedrich Schmidt und ab 1909 alleiniger Inhaber der Fabrik, erkennt die Notwendigkeit zur Neuausrichtung der Produktion frühzeitig. Bereits ab Ende der 1870er Jahre treibt er die Umstellung der Firma auf die Herstellung so genannter Galanteriewaren voran.

Mit der Herstellung von modischen Accessoires für die elegante Dame und den eleganten Herrn, Kosmetikartikel und Bürobedarf wird das Unternehmen um die Jahrhundertwende zum Hersteller von Endprodukten mit unmittelbarem Marktzugang, d.h. mit eigenem Marketing und eigenem Vertriebsnetz. Carl Ludwig Schmidt lehnt die Bindung an einen einzigen Großhändler konsequent ab und will unabhängig bleiben.

1898 realisiert Carl Ludwig Schmidt eines der ehrgeizigsten Investitionsprogramme der Unternehmensgeschichte. Nach der Erweiterung des Firmenareals zwischen Austraße und Nahe legt er – teilweise bereits dreistöckig – die baulichen Grundlagen für das spätere Firmenkarree. Hinzu kommt die Aufrüstung der Dampfkraft durch Installation einer zweiten Maschine, die Errichtung eines weiteren hohen Fabrikschlots und ein umfangreiches Erneuerungsprogramm in produktivere Maschinen zur Metallverformung. Die Firma wird damit zu einem der größten und modernsten Idar-Obersteiner Betriebe.

Obwohl der Adel noch sein feudales Regime aufrecht zu halten vermag, bringt die industrielle Revolution mit dem bürgerlichen Unternehmertum eine neue Führungsschicht hervor, die immer größeren politischen und kulturellen Einfluss gewinnt. Gleichzeitig wächst in den zunehmend größeren Fabriken der Industrie eine Arbeiterschaft, die sich ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts politisch zu artikulieren und zu organisieren beginnt. Aus leibeigenen Bauern und durch Zunftordnung gebundenen Handwerksgesellen werden freie Lohnarbeiter, die zumindest den Arbeitsplatz wechseln können. 1907 eskaliert der Konflikt um eine neue Arbeitsordnung in den Obersteiner Metallbetrieben zu einem mehr als dreimonatigen Arbeitskampf, bei dem es letztlich um die Frage der Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartei und legitime Interessenvertretung der Arbeiterschaft geht.

Ausgelöst wird der Konflikt durch eine Auseinandersetzung bei Gebrüder Schmidt. Im Anschluss an die Eigenkündigung der meisten Arbeiter folgt die Massenaussperrung aller im Metallarbeiterverband organisierten Obersteiner Arbeiter. Im Ergebnis bringt die Auseinandersetzung zwar noch keinen Tarifvertrag. Allerdings beginnen sich die Sozialbeziehungen in der Firma nachhaltig zu verändern:  Gebrüder Schmidt wird aufgrund seines familiären und partnerschaftlichen Führungsstils sowie des guten Betriebsklimas zu einem von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern besonders geschätzten Arbeitgeber. Carl Ludwig Schmidt, der in seiner knapp bemessenen Freizeit ein begeisterter Zeichner und Maler ist, übernimmt im Obersteiner Handwerkerverein, der sich vor allem durch wirtschaftsbezogene Vortragsveranstaltungen profiliert, Leitungsaufgaben und wird in der von ihm mitbegründeten Handelskammer Vorstandsmitglied.

Mehr als eine auf den familiären Wirkungskreis beschränkte Stütze ist seine Ehefrau Johanna geb. Treibs: Die außergewöhnlich emanzipierte Frau wirkt ab 1910 auch in der Firma mit Prokura.

Kurz nach der Jahrhundertwende 1900 beginnt die kunstgewerbliche Neuausrichtung der Firma:  Sie macht im Produktdesign einen Quantensprung. Vom Hersteller von Galanteriewaren, die vor allem wegen ihrer historistischen Stilelemente von manchen als künstlerisch minderwertiger Kitsch oder Nippes verurteilt werden, bricht sie nach Jahren der Vorbereitung nach dem 1. Weltkrieg ins Zeitalter des modernen Industriedesigns auf. Unter dem Einfluss des 1907 gegründeten Deutschen Werkbundes und des französischen Art Déco entwickelt die Firma in den 1920er und frühen 1930er Jahren mit einer industriell kompatiblen Formensprache eine designerische Handschrift auf der Höhe der Epoche.

Auslöser und Hauptprotagonist ist der aus Pforzheim als leitender Mitarbeiter zurückgekehrte Bruder von Carl Ludwig Schmidt, Friedrich Otto Schmidt. Dieser erwirbt zudem als Schulinspektor der Obersteiner Fortbildungsschule und Vorstand der neuen Gewerbeschule Oberstein als treibende Kraft nachhaltige Verdienste um den Aufbau des modernen Obersteiner Berufsschulwesens. Gebrüder Schmidt wird mit gestalterisch höchsten Ansprüchen genügenden Kollektionen zu einem der führenden Unternehmen der deutschen Kunstindustrie. Einer seiner größten Leistungen ist die Verpflichtung von Julius Svensson als Schulleiter der Gewerbeschule, der bis zum Beginn der 1930er Jahre unschätzbare Verdienste um die Qualitätsverbesserung des Obersteiner Industriedesigns erwirbt.

Unter dem Einfluss des politisch Liberalen wächst Karl Otto Schmidt zur nächsten Führungspersönlichkeit in der Firma heran, der nach einschneidenden Kriegserlebnissen ab den 1920er Jahren die Geschicke des Unternehmens bis in die 1980er Jahre maßgeblich prägt.

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